Es brummt in Wanlo. In dem 1.000-Seelen-Dorf mitten im Rheinland klingt es wie in einer Großstadt. Richtig still ist es in dem kleinen Ort nie, nicht einmal nachts. Aber das Brummen kommt hier nicht von Zügen oder Autos, sondern von einem gigantischen Kohlebagger, der im Osten von Wanlo den Boden wegfrisst.
Elli hört das Dröhnen gar nicht mehr, sie muss sich darauf konzentrieren, um es wahrzunehmen. „Etwa 500 Meter ist das Loch von hier entfernt“, sagt die 32-Jährige. Elli spricht rheinischen Dialekt. Sie hat weißblonde Haare, trägt einen grünen Hoodie und kuschelt mit einem goldbraunen Huhn, das sie im Arm hält. Sie ist in Wanlo aufgewachsen. „Das Loch“ nennt Elli den 3.000 Hektar großen Braunkohletagebau Garzweiler, einen der größten Tagebaue in Deutschland. In seiner Mitte heben sechs Schaufelbagger täglich bis zu 880.000 Kubikmeter Kohle aus – das ist mehr, als das größte Containerschiff der Welt auf einmal transportieren kann.
„Auch Wanlo sollte einmal abgebaggert werden. Das wurde aber ganz früh verhindert, weil die Menschen sich zur Wehr gesetzt haben“, sagt Elli. Sie ist Anarchistin. Mit zwei Freund*innen, Ramu und Samu, lebt sie in einer Gemeinschaft. Sie alle wollen anonym bleiben und in der Zeitung bei ihren Spitz- und Vornamen genannt werden. Die drei haben sich im ehemals von Aktivisti besetzten Dorf Lützerathkennengelernt. Nach der Räumung im Frühjahr 2023 sind sie auf Ellis Grundstück nach Wanlo gezogen und haben dort ihre eigene anarchistische Gemeinschaft gegründet.
“Gladbachs letzte Ecke” begleitet Elli, Samu & Ramu, drei junge Menschen die am Rand des Braunkohletagebaus Garzweiler 2 in einem kleinen Wagenpark leben. Nach der Räumung der lange besetzten Ortschaft Lützerath im Januar 2023 brach das mediale Interesse um die Region schnell ab. Noch im gleichen Jahr reisten der Fotograf Max Schlag und die Journalistin Annika Reiß ins Rheinland um die Geschichte der drei zu erzählen.