Fotos & Text für “demenz Das Magazin”
Ich treffe Annelise im Haus ihres Sohnes Norbert. Sie ist 93 Jahre alt und strahlt, als ich auf sie zukomme. Es ist mittlerweile fast 10 Jahre her, dass meine eigene Oma, die seit ich denken kann, Demenz hatte, diese Welt verlassen hat. Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu Menschen mit Demenz gehabt und bin, ehrlich gesagt, ein bisschen nervös. Nicht nur möchte ich Annelise heute kennenlernen, sondern auch fotografieren, und ich zweifle bis zur letzten Sekunde daran, ob ich das wirklich schaffe. Denn wie fotografiere ich jemanden, der sich am Ende vielleicht nicht einmal mehr daran erinnert?
Dass ich hier sein darf, ist ein großer Vertrauensbeweis meiner guten Freundin Jana, die mir angeboten hat, im Rahmen der Arbeit für das Demenz-Magazin ihre Großmutter Annelise zu fotografieren. Genau die sitzt mir jetzt gegenüber. Sobald wir anfangen, miteinander zu reden (Annelise redet, ich schreie ein bisschen, da sie nicht mehr so gut hört), ist meine Nervosität wie weggeflogen. Wir lachen, schäkern, ich stelle mich immer und immer wieder vor, und dann wird weiter gelacht.
Nach kurzer Zeit und durch die Unterstützung ihrer anwesenden Familie habe ich den Mut, sie zu fragen, ob ich sie fotografieren darf. Sie scheint verwundert. „Mich?", fragt sie, und ich nicke ihr lächelnd zu. Sie sieht so schön aus, mit ihrem warmen Lächeln, den grün-türkisenen Klamotten und dem von der Sonne leuchtenden Gesicht, das von so viel Lebenserfahrung zeugt. Das sage ich ihr auch, immer und immer wieder! Währenddessen drücke ich auf den Auslöser meiner Kamera und wir lachen uns herzlich an.
Annelise schaut mit ihrer Tochter, ihrer Enkelin und ihrer Urenkelin alte Fotoalben durch. Sie scheint mich jetzt als Teil der Szenerie zu verstehen, bejaht immer ganz selbstverständlich, wenn ich sie wieder und wieder nach der Erlaubnis frage, ein Foto zu machen. Es ist fast so, als wüsste sie jetzt, nach nur wenigen Stunden, schon, wer ich bin. Sie fragt mich sogar, wie sie posieren soll. Als die Sonne schon fast untergegangen ist schaut sie zu mir und fragt sie mich, ob ich ihr die Fotos zeigen könnte. Sie setzt ihre Lesebrille auf und guckt auf meinen winzigen Kamerabildschirm. Ich muss daran denken, dass mir bei den Vorbereitungen für diesen Termin gesagt wurde, ich solle es nicht persönlich nehmen, wenn sich die Menschen nicht erkennen. Doch Annelise strahlt und sagt mir, dass ich das toll gemacht hätte, dass sie schön aussieht. Und das tut sie wirklich.
Als ich mich verabschiede, umarmen wir uns lange und herzlich. Es ist fast so, als ob sie mich nicht gehen lassen will. Als Jana und ich aus der kleinen Stadt in Niedersachsen wieder nach Hause fahren, fühle ich sehr viel. Freude über den schönen Tag, gemischt mit Erinnerungen an meine Kindheit, und das Gefühl, dass ich es mir jetzt zutraue, dass es mein Wunsch ist, Menschen mit Demenz und deren Angehörige zu zeigen, ihnen visuell einen Raum zu geben, der über die Klischeebilder hinausgeht, mit denen wir oft bedient werden.