Stunden vor der Räumung

Lützerath, Januar 2023
Kettensägen heulen. Polizistinnen und Polizisten umstellen die Ortschaft, zwischen ihnen bewegen sich Kameraleute hin und her. An zahlreichen Bäumen haben sich Aktivistinnen und Aktivisten angeseilt, Parolen schallen von allen Seiten. Es sind die letzten Momente des Dorfes Lützerath, dessen Erhalt die Klimagerechtigkeitsbewegung über ein Jahr lang durch eine Besetzung zu Verteidigen versuchte.

Am Freitag, den 13. Januar 2023, wird die Grube, das Loch sichtbar: Garzweiler 2. Bis gestern versperrten Baumwipfel den Blick vom Fenster aus auf den Tagebau, der wie eine tiefe Narbe in der Landschaft klafft. Mehrere Polizeieinheiten haben jetzt das letzte besetzte Reihenhaus in Lützerath umstellt.



Die Menschen, die in den letzten Tagen hier gelebt haben, müssen nun handeln. Es sind Aktivistinnen und Aktivisten, Musikerinnen und Musiker, sowie in etwa gleicher Zahl Medienvertreter*innen, die sich jetzt im Reihenhaus an der Kante der Grube tummeln. Auf einem Dachboden haben sich die letzten verschanzt. Manche stimmen ihre Instrumente, andere sichern ihre Arme mit Metallketten und Vorhängeschlössern an einem Rohr. Noch werden Zigaretten geraucht, einer der beiden Musiker liest ein Kapitel aus einem Buch über Widerstand vor. Dann herrscht für einen Moment Ruhe.

Glas klirrt, laute Rufe dringen nach oben während die Polizei das verbarrikadierte Haus stürm. Schließlich wird auch die Luke vom Dachboden geöffnet. Alle singen gleichzeitig aus voller Kehle zur Musik zweier Geigen, es wirkt wie eine Choreografie. Vermummte Polizistinnen und Polizisten strömen herein, lassen das Lied ausklingen und verweisen anschließend die Journalistinnen und Journalisten aus der Dachbodenszene. 



Der Reihe nach werden die Aktivist*innen in den folgenden Stunden abgeführt. Da sie sich nicht ausweisen können und ihre Gesichtszüge mit Farbe unkenntlich gemacht haben, werden sie nach einer Anzeige gegen Unbekannt außerhalb des Zauns wieder auf freien Fuß gesetzt.



Einen Tag später versucht eine Gruppe von über 30.000 Menschen erneut, die umzäunte Siedlung zu erreichen. Der Versuch misslingt wegen großer und brutaler Anstrengungen der Polizei, die Lützerath umzingelt hat. Bereits wenige Tage später werden die letzten Häuser abgerissen und die oberste Erdschicht von einem gigantischen Schaufelbagger abgetragen. Danach zieht der Bagger weiter, wollten er doch eigentlich an die tief liegende Kohle, die dieser Siedlung zum Verhängnis geworden ist.

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Max Schlag
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